Edle Kastanie #167
Chestene, Kastanie, Marroni und Marone
Einst galt sie als Brot der Armen, die Edelkastanie, heute gehört sie zum Schweizer Herbst wie der Nebel. Stellen wir uns folgendes vor: Sie gehen in Luzern (oder einer anderen schönen Stadt) spazieren und hören von weitem den Ruf «‘eissi Marroni, ‘eissi Marroni, ‘eissi Marroni, Marroni ganz ‘eiss!» Ihre Finger sind kalt, der Magen leer, also nichts wie hin und ein Säckchen ‘eisse Marroni gekauft. Beim Öffnen verbrennen Sie sich die Fingerkuppen, beim Essen die Zunge – die Dinger sind wirklich heiss! Nun ja, Sie gehen es ab sofort etwas langsamer an und tatsächlich können Sie diese typische Herbstspezialität jetzt geniessen. Anschliessend geht es für ein feines Wildmenü ins Restaurant. Auf dem Teller liegen (fast) garantiert glasierte Edelkastanien und zum Dessert wählen Sie eine Portion Vermicelles oder einen Coupe Nesselrode. Edelkastanien, wohin das Auge reicht.
Im Tessin war die Kastanie über Jahrhunderte ein Grundnahrungsmittel, insbesondere für die ärmere Landbevölkerung. Im Winter war sie teilweise die einzig verfügbare Nahrung, weil man sie durch Trocknung haltbar gemacht hatte. Man ass sie gekocht oder geröstet, mahlte sie zu Mehl und stellte daraus Brot und andere Speisen her. Wenn man bedenkt, dass ein ausgewachsener Kastanienbaum jährlich bis zu 100 Kilogramm Kastanien liefert, besonders ertragreiche Bäume sogar deutlich mehr, dann konnte ein einziger Baum eine Familie über den halben Winter bringen.
Was wir im Deutschen als Edelkastanie oder Marone bezeichnen, heisst im Italienischen marrone (Mehrzahl: marroni) und im Französischen marron und ist zugleich eine Farbbezeichnung: Kastanienbraun. Das war die einfache Geschichte, jetzt folgt erst die «Gut-zu-wissen-Geschichte» und am Schluss noch jene zum Angeben.
Bestellen Sie in einem Schweizer Restaurant Vermicelles, bekommen Sie das typische Dessert. Soweit, so klar. Bestellen Sie aber einmal in Frankreich Vermicelles! Dort erhalten Sie normalerweise Fadennudeln – sicher lecker, aber nicht zum Dessert. Vermicelles kommt übrigens vom Italienischen vermicelli = Würmchen 😊. Und jetzt noch die Angebergeschichte: Wissen Sie, woher der Coupe Nesselrode – ein Dessert aus Vermicelles, Vanilleglace, Meringues und Schlagrahm – seinen Namen hat?
Vom russischen Diplomaten Karl Robert Graf von Nesselrode (1780–1862). Er war einer der einflussreichsten russischen Diplomaten des 19. Jahrhunderts und leitete die russische Delegation am Wiener Kongress von 1814/1815. Später war er jahrzehntelang russischer Aussenminister. Wer das Dessert genau erfunden hat, ist unklar, aber so oder so wurde es ihm zu Ehren Nesselrode genannt. Wobei, ursprünglich bestand es aus gefrorenem Vermicellespudding mit Rahm, kandierten Früchten und teilweise Alkohol. Übrigens gibt es ein weiteres «russisches» Dessert: den Coupe Romanov (oder Romanoff). Es ist tatsächlich nach der Zarenfamilie der Romanovs benannt.
Kastanienholz für Möbel
Weniger bekannt ist die Kastanie als Holzlieferant für wunderschöne Möbel. Es ist, ähnlich der Eiche, dauerhaft und widerstandsfähig und liefert Holz-Schmuckstücke, die ein Leben lang halten. Nicht erstaunlich, habe ich deshalb Betten aus Kastanienholz in meinem Sortiment. Dazu eine Matratze aus Vermicelles … 😊. Nein! Die wären mir doch etwas zu weich. Spass beiseite, Matratzen in allen Härtegraden finden Sie selbstverständlich passend zum Kastanienholz-Bett. Wenn Sie mehr über die Kastanie und ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten wissen möchten, empfehle ich Ihnen www.oekotrend.ch/edelkastanie, dort habe ich einiges für Sie zusammengefasst.
Das Beste zum Schluss: Für die Edelkastanie müssen Sie nicht unbedingt ins Tessin reisen, der Vierwaldstättersee reicht auch. Auf dem «Chestene-Weg» (Kastanienweg) zwischen Immensee und Brunnen lässt sich die Edelkastanie ebenso schön erleben wie ennet dem Gotthard. Und übrigens findet am 25. Oktober 2026 von 10 — 17 Uhr die Grepper Chestenechilbi statt. Rund 60 Aussteller präsentieren Teigwaren, Honig, Brote, Bier, Likör und anderes mehr aus Kastanien.
Ganz zum Schluss noch ein Rezept für alle Schleckermäuler: Die Torta di Castagne nach einem traditionellen Tessiner Rezept, neu interpretiert von der Swiss Italian Tourism and Hotel Management School of Bellinzona. Einfach ausprobieren und gerne ein Stück vorbeibringen. 😉
Nun freue ich mich, Sie in zwei Wochen zum HEIMisch-Blog Nummer 167 – «30 Jahr‘– braunes Haar» – wieder dabei zu haben.
Bis bald!
Ihr Bernhard Heim
Schlaf- und Wohnberater und Nesselroder
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