Chestene, Kastanie, Marroni und Marone

 

Einst galt sie als Brot der Armen, die Edelka­s­tanie, heute gehört sie zum Schweiz­er Herb­st wie der Nebel. Stellen wir uns fol­gen­des vor: Sie gehen in Luzern (oder ein­er anderen schö­nen Stadt) spazieren und hören von weit­em den Ruf «‘eis­si Mar­roni, ‘eis­si Mar­roni, ‘eis­si Mar­roni, Mar­roni ganz ‘eiss!» Ihre Fin­ger sind kalt, der Magen leer, also nichts wie hin und ein Säckchen ‘eisse Mar­roni gekauft. Beim Öff­nen ver­bren­nen Sie sich die Fin­gerkup­pen, beim Essen die Zunge – die Dinger sind wirk­lich heiss! Nun ja, Sie gehen es ab sofort etwas langsamer an und tat­säch­lich kön­nen Sie diese typ­is­che Herb­st­spezial­ität jet­zt geniessen. Anschliessend geht es für ein feines Wild­menü ins Restau­rant. Auf dem Teller liegen (fast) garantiert glasierte Edelka­s­tanien und zum Dessert wählen Sie eine Por­tion Ver­mi­celles oder einen Coupe Nes­sel­rode. Edelka­s­tanien, wohin das Auge reicht.

Im Tessin war die Kas­tanie über Jahrhun­derte ein Grund­nahrungsmit­tel, ins­beson­dere für die ärmere Land­bevölkerung. Im Win­ter war sie teil­weise die einzig ver­füg­bare Nahrung, weil man sie durch Trock­nung halt­bar gemacht hat­te. Man ass sie gekocht oder geröstet, mahlte sie zu Mehl und stellte daraus Brot und andere Speisen her. Wenn man bedenkt, dass ein aus­gewach­sen­er Kas­tanien­baum jährlich bis zu 100 Kilo­gramm Kas­tanien liefert, beson­ders ertra­gre­iche Bäume sog­ar deut­lich mehr, dann kon­nte ein einziger Baum eine Fam­i­lie über den hal­ben Win­ter bringen.

Was wir im Deutschen als Edelka­s­tanie oder Marone beze­ich­nen, heisst im Ital­ienis­chen mar­rone (Mehrzahl: mar­roni) und im Franzö­sis­chen mar­ron und ist zugle­ich eine Farbbeze­ich­nung: Kas­tanien­braun. Das war die ein­fache Geschichte, jet­zt fol­gt erst die «Gut-zu-wis­sen-Geschichte» und am Schluss noch jene zum Angeben.

Bestellen Sie in einem Schweiz­er Restau­rant Ver­mi­celles, bekom­men Sie das typ­is­che Dessert. Soweit, so klar. Bestellen Sie aber ein­mal in Frankre­ich Ver­mi­celles! Dort erhal­ten Sie nor­maler­weise Faden­nudeln – sich­er leck­er, aber nicht zum Dessert. Ver­mi­celles kommt übri­gens vom Ital­ienis­chen ver­mi­cel­li = Würm­chen 😊. Und jet­zt noch die Ange­bergeschichte: Wis­sen Sie, woher der Coupe Nes­sel­rode – ein Dessert aus Ver­mi­celles, Vanil­leglace, Meringues und Schla­grahm – seinen Namen hat?

Vom rus­sis­chen Diplo­mat­en Karl Robert Graf von Nes­sel­rode (1780–1862). Er war ein­er der ein­flussre­ich­sten rus­sis­chen Diplo­mat­en des 19. Jahrhun­derts und leit­ete die rus­sis­che Del­e­ga­tion am Wiener Kongress von 1814/1815. Später war er jahrzehn­te­lang rus­sis­ch­er Aussen­min­is­ter. Wer das Dessert genau erfun­den hat, ist unklar, aber so oder so wurde es ihm zu Ehren Nes­sel­rode genan­nt. Wobei, ursprünglich bestand es aus gefroren­em Ver­mi­celle­spud­ding mit Rahm, kandierten Frücht­en und teil­weise Alko­hol. Übri­gens gibt es ein weit­eres «rus­sis­ches» Dessert: den Coupe Romanov (oder Romanoff). Es ist tat­säch­lich nach der Zaren­fam­i­lie der Romanovs benannt.

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Bett und Nacht­tisch aus Edelkastanien-Holz

Kastanienholz für Möbel

Weniger bekan­nt ist die Kas­tanie als Hol­zliefer­ant für wun­der­schöne Möbel. Es ist, ähn­lich der Eiche, dauer­haft und wider­stands­fähig und liefert Holz-Schmuck­stücke, die ein Leben lang hal­ten. Nicht erstaunlich, habe ich deshalb Bet­ten aus Kas­tanien­holz in meinem Sor­ti­ment. Dazu eine Matratze aus Ver­mi­celles … 😊. Nein! Die wären mir doch etwas zu weich. Spass bei­seite, Matratzen in allen Härte­graden find­en Sie selb­stver­ständlich passend zum Kas­tanien­holz-Bett. Wenn Sie mehr über die Kas­tanie und ihre vielfälti­gen Ver­wen­dungsmöglichkeit­en wis­sen möcht­en, empfehle ich Ihnen www.oekotrend.ch/edelkastanie, dort habe ich einiges für Sie zusammengefasst.

Das Beste zum Schluss: Für die Edelka­s­tanie müssen Sie nicht unbe­d­ingt ins Tessin reisen, der Vier­wald­stät­tersee reicht auch. Auf dem «Chestene-Weg» (Kas­tanien­weg) zwis­chen Immensee und Brun­nen lässt sich die Edelka­s­tanie eben­so schön erleben wie ennet dem Got­thard. Und übri­gens find­et am 25. Okto­ber 2026 von 10 — 17 Uhr die Grep­per Chestenechilbi statt. Rund 60 Aussteller präsen­tieren Teig­waren, Honig, Brote, Bier, Likör und anderes mehr aus Kastanien.

Ganz zum Schluss noch ein Rezept für alle Schleck­er­mäuler: Die Tor­ta di Castagne nach einem tra­di­tionellen Tessin­er Rezept, neu inter­pretiert von der Swiss Ital­ian Tourism and Hotel Man­age­ment School of Bellinzona. Ein­fach aus­pro­bieren und gerne ein Stück vorbeibringen. 😉

 

Nun freue ich mich, Sie in zwei Wochen zum HEIMisch-Blog Num­mer 167 – «30 Jahr‘– braunes Haar» – wieder dabei zu haben.

 

Bis bald!

 

Ihr Bern­hard Heim

Schlaf- und Wohn­ber­ater und Nesselroder

 

 

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